Dienstag, 23. Februar 2016 - 18:00 Uhr bis 21:15 Uhr
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Spinn.Bar "Arbeiten in der Flüchtlingshilfe"

Bei der Spinn.Bar des Job- und Kompetenzforums Spinnen-Netz diskutierten Expert*innen und Ehrenamtliche über ihre Tätigkeitsfelder und berufliche Einstiegswege in der Flüchtlingsarbeit.

Das berufliche Netzwerk Spinnen-Netz. Arbeit Mit Wirkung, das Arbeitsmöglichkeiten im gemeinnützigen Bereich aufzeigt, hat am vergangenen Dienstag (23.02.2016) sechs Expertinnen und Experten aus der Flüchtlingshilfe eingeladen, über ihre Arbeit und berufliche Einstiegswege zu berichten.

  • Zu Gast waren
  • Coletta Manemann von der Stabstelle Integration,
  • Annette Döhner vom Bildungsforum Lernwelten (IQ-Anerkennungs- und Qualifizierungsberatung),
  • Ute Harres und Daniel Appelt von der Ermekeilinitiative e.V.,
  • Monique Wendisch, Ehrenamtskoordinatorin der Betreuungsgesellschaft für soziale Einrichtungen vom Deutschen Roten Kreuz, und
  • Dietmar Kappe, Pressesprecher von der UNO-Flüchtlingshilfe.

Ziel der mit 50 Gästen gut besuchten Veranstaltung war es, Einblicke in aktuelle Herausforderungen des Arbeitsalltags und Einstiegsmöglichkeiten in diesen Bereich zu erhalten. Konkrete Hinweise zu geplanten neuen Stellen, sinnvollen Zusatzfortbildungen sowie eigeninitiativer Arbeitgeberansprache waren der besondere Nutzen des lebendigen Austausches mit den Expertinnen.    >>> Bilder des Abends

Vielseitige Arbeiten in der Flüchtlingshilfe

Vielseitig, terminreich und lang gestalten sich die Arbeitstage in Organisationen und Beratugnsstellen, die sich für Geflüchtete einsetzen. Während einerseits konkrete und dringliche Einzelberatungen anstehen, bedarf es gleichzeitig konzeptioneller und politischer Schritte, um grundsätzliche Fragen und Baustellen anzugehen oder weitere Akteure und Multiplikatoren zu schulen, wie Annette Döhner sagte. Alle könnten weitere Stellen gebrauchen, die jedoch nicht einfach zu finanzieren sind. 

Ohne die Ehrenamtlichen können die Hauptamtlichen ihre Arbeit nicht stemmen.

Die Redner wie auch anwesende Vertreter von weiteren flüchtlingspolitischen Vereinen betonten, wie wichtig das ehrenamtliche Engagement, Praktika oder Aushilfsstellen als vorberufliche Erfahrung für diesen Bereich seien und dass es oft einen möglichen Einstiegsweg bildet. Denn hier gewinnen Ehrenamtliche Erfahrungen und knüpfen Kontakte. Während Coletta Manemann von der Stabstelle Integration betonte, wie wichtig diese in ihrer Arbeit die Fähigkeit zum vernetzten Querschnittsdenken sei, hob Monique Wendisch die Bedeutung von weiteren Fremdsprachen außer Englisch hervor: Arabisch, Kurdisch oder Farsi seien sehr gefragt. Aktuell könne man hier in Bonn auf günstige Weise Kurse belegen. Bei klaren beruflichen Vorstellungen lohne sich v. a. bei den großen Einrichtungen eine Initiativbewerbung, so Manemann.

Privatisierung der Flüchtlingshilfe?

Im 2. Teil des Abends diskutierten in der Flüchtlingsarbeit ehrenamtlich engagierte Personen (u.a. der Bornheimer Flüchtlingshilfe, der Bonner Save-Me Kampagne, und des flüchtlingspolitischen Forums Weltoffen) über ihre Aktivitäten und auch die Probleme, die mit dem eigenen Engagement einher gehen. So sei es einerseits schwierig in diesem höchst dynamischen Bereich den Überblick zu behalten: nicht nur die Zahl der Geflüchteten nimmt zu, es ändern sich auch ständig die rechtlichen Grundlagen, die politischen Zuständigkeiten und die Ansprechpartner. Darüber hinaus kommen viele Ehrenamtliche schlichtweg an die Grenzen, dessen was sie privat leisten können und auch wollen. Denn zahlreiche Aufgaben, die von Freiwilligen immer wieder übernommen werden (wie die Beratung und Begleitung von Geflüchteten, die Bereitstellung von Kleidung und Lehrmaterial, die Organisation von Sprachkursen), seien doch eigentlich Aufgaben, die der Staat zu leisten habe. Ehrenamtliche arbeiten umsonst und entlasten so die Kommunen und auch die hauptamtlich in diesem Feld tätigen. Doch sollte so eine "Privatisierung der Flüchtlingshilfe" , z.T. unter selbstausbeuterischen Bedingungen, einfach akzeptiert werden? Welche Alternativen gibt es dazu? Diese Fragen sollten weiter unter Ehrenamtlichen diskutiert werden.

Gelebte Integration in der Ermekeilkaserne

Die Veranstaltung fand in einem von der Ermekeilinitiative bereitgestelltem Raum in der Ermekeilkaserne statt, die in wenigen Tagen vom BAMF in großen Teilen übernommen werden soll. Eindrücklich schilderte die Initiative ihre Arbeit und Projekte der interkulturellen Begegnung, die von Kontakt-Cafés und gemeinsamen Koch-Abenden mit Geflüchteten, über Näh- und Reparier-Nachmittage, Nähen und Schreinern bis hin zum öffentlich sichtbaren Gärtnern im Hof reicht. Diese Angebote gelebter Integration und Räume der Begegnung drohen nun wegzufallen.

Einstiegswege in sinnstiftende Arbeitsbereiche sind langwierig und intransparent. Ein großer Anteil der Stellenbesetzung läuft über informelle Wege und persönliche Kontakte. Während gut ausgebildete Arbeitssuchende hochmotiviert für den beruflichen Einstieg im flüchtlingspolitischen Bereich sind, gestalten sich Ausschreibeverfahren und Bewerbungsprozesse oft zäh und von hoher Konkurrenz gezeichnet. Mehrere Hundert Bewerber tummeln sich auf eine Ausschreibung, zugleich sind die Stellen oft befristet. Hinzu kommt, dass im behördlichen Bereich starre Qualifikationsvorgaben bestehen, die einem Sozialwissenschaftler nicht zutrauen, eine Projektleitung mit beratenden Elementen zu übernehmen, da formal ein sozialpädagogischer Abschluss und entsprechende Besoldung vorgesehen ist. Bei nicht staatlichen Stellen, wie dem Bildungsforum Lernwelten, komme es dagegen v. a. auf die inhaltliche Motivation und berufliche Erfahrung an, der formale Abschluss sei zweitrangig. Eine diffuse Hilfsbereitschaft allein reiche nicht.